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Die Logistik der Baumärkte ist verbesserungswürdig

Gleich ob Heimwerkerartikel zuverlässig im Markt verfügbar sein ­sollen oder dem Kunden bequem frei Haus geliefert werden: ­Ohne leistungsfähige, fein aufeinander abgestimmte logistischen Prozesse ist zeitgemäßer Service im stationären Handel kaum denkbar, erst recht nicht im florierenden Onlinegeschäft.

Mit gemeinsamen Standards im Datenverkehr nimmt auch der Warenfluss Fahrt auf.
Mit gemeinsamen Standards im Datenverkehr nimmt auch der Warenfluss Fahrt auf.
Foto: BI-LOG Warenhotel

Gleich ob Heimwerkerartikel zuverlässig im Markt verfügbar sein ­sollen oder dem Kunden bequem frei Haus geliefert werden: ­Ohne leistungsfähige, fein aufeinander abgestimmte Lieferprozesse ist zeitgemäßer Service im stationären Handel kaum denkbar, erst recht nicht im florierenden Onlinegeschäft.

Die Problemlage im etablierten Baumarkthandel ist bekannt: Einerseits stagnieren die Umsätze in den Märkten, auf der anderen Seite kann die Branche noch zu wenig vom Onlineboom profitieren. Insgesamt stiegen im vorigen Jahr die E-Commerce-Umsätze im DIY-Handel um 14,9 Prozent auf 3,2 Milliarden Euro. Gut die Hälfte des Kuchens sicherten sich aber nicht die etablierten Baumarktketten, sondern reine Online-Händler. Der Anteil der Bau- und Heimwerkermärkte lag gerade einmal bei 18,7 Prozent.

Rückstand im E-Commerce

Marktforscher warnen bereits, dass die Baumarktunternehmen fast schon den Anschluss beim Onlinehandel verloren haben. Nach einer aktuellen Studie des Handelsforschungsinstituts IFH hat sich Amazon bereits 39 Prozent des Onlineumsatzes mit Heimwerker- und Gartenartikeln gesichert. Und bei weiteren 38 Prozent der Käufe beginne zumindest die Produktsuche bei Amazon. „Auch wer eigentlich im Baumarkt kaufen will, recherchiert oft erst einmal online – und kauft vielleicht auch anschließend bei Amazon, obwohl der Onlinegigant nicht immer der günstigste Anbieter ist“, beobachtet Dr. Eva Stüber, Autorin der Studie.

Es sei die gleiche Entwicklung wie in vielen anderen Branchen: Amazon schneidet die klassischen Händler vom direkten Kontakt mit dem Kunden ab, wird mehr und mehr erst zum Torwächter – und macht dann selber das Geschäft. „Etablierte Geschäftsmodelle sind durch die Amazonisierung oft nicht mehr zukunftsfähig“, warnt E-Commerce-Expertin Stüber.

Größte Herausforderung der Branche ist laut BHB-Hauptgeschäftsführer Dr. Peter Wüst daher die Digitalisierung der Geschäftsmodelle, vor allem die Vernetzung stationärer und digitaler Angebote, denn: „Der Wunsch zum E-Commerce ist auch bei den Heimwerkern und Hobbygärtnern ungebrochen.“ Das Thema ist in den Chefetagen des Handels präsent: „Beträchtliche Investitionen in die Verknüpfung von stationären Märkten und Onlinehandel sind nach unserer Überzeugung keine Option, sondern eine Notwendigkeit, um gestiegene Ansprüche der Verbraucher im digitalen Zeitalter erfüllen zu können“, mahnt etwa Albrecht Hornbach, Konzernchef des gleichnamigen Baumarktbetreibers.

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Bremsklötze im logistischen Ablauf

Dachser ist Erstkunde des vollelektrischen „FUSO eCanter“-Leicht-Lkw von Daimler. Seit dem Frühjahr 2018 setzt der Logistikdienstleister zwei Fahrzeuge im Innenstadtverkehr ein.
Dachser ist Erstkunde des vollelektrischen „FUSO eCanter“-Leicht-Lkw von Daimler. Seit dem Frühjahr 2018 setzt der Logistikdienstleister zwei Fahrzeuge im Innenstadtverkehr ein.
Foto: Dachser

Beim Bemühen, die Logistikprozesse zu modernisieren, sind jedoch einige Hindernisse zu überwinden. Ein Problem, das derzeit die gesamte Logistikbranche umtreibt, ist neben bürokratischen Auflagen der eklatante Mangel an Fachkräften. Namentlich Lkw-Fahrer werden händeringend gesucht. Schon heute fehlen nach Angaben der Arbeitsagentur 45.000 Lkw-Fahrer in Deutschland. Eine ähnlich hohe Zahl gehe jährlich in den Ruhestand. Weil aber nur rund 16.000 Nachwuchskräfte pro Jahr ihre Ausbildung abschließen, wächst die Bedarfslücke ständig weiter, der verfügbare Frachtraum ist bereits knapp.

Bisher kompensieren ausländische, oft osteuropäische Fahrer und Transporter den Mangel. Sie machen inzwischen schon 43 Prozent des mautpflichtigen Lkw-Verkehrs in Deutschland aus. Heimische Speditionen, Gewerkschaften, aber auch westliche EU-Länder wehren sich gegen diese Entwicklung, wogegen führende Wirtschafts- und Industrieverbände bereits die Leistungsfähigkeit der deutschen Just-in-Time-Produktion gefährdet sehen. So weist der Hauptgeschäftsführer des Logistikverbands DSLV, Frank Huster, auf die international hochgradig arbeitsteilige Logistikwirtschaft hin: „Ohne den zusätzlichen Einsatz vor allem osteuropäischer Lkw-Flotten würde die Güternachfrage westeuropäischer Staaten nicht mehr befriedigt werden können.“

Neben diesen Engpässen haben es die Baumarktunternehmen auch oft mit „hausgemachten“ Baustellen in ihren logistischen Abläufen zu tun. Das fängt mit den Artikelstammdaten an, die bezüglich Qualität und Vollständigkeit bei etwa 100.000 Artikeln eine Herausforderung an sich darstellen. Bedeutende, langjährige Lieferpartner können in der Regel Produktdaten strukturiert und nach dem Bedarf des Handels liefern, der diese dann ohne unnötige Konvertierungen in seine Bestandsverwaltung übernehmen kann. Während es früher vielleicht ausreichend war, die Ware sicher vom Hersteller via Zentrallager zum jeweiligen Verkaufspunkt in die Filialen zu navigieren, liegt in Zeiten von Cross Selling die Messlatte der Anforderungen noch höher. Die Daten, die jedes Produkt begleiten, sollten auch Auskunft geben über sein Handling im Versand: Wo ist die Ware abrufbar, welche Speditionsart ist die rationellste, ist Expresslieferung möglich?

Elektronischer Datenaustausch häufig mangelhaft

Die Tugenden eines effizienten Supply Chain-Managements, mit einer reibungslosen Lieferkette vom Hersteller bis zum Endkunden, sind im Grunde altbekannt. Marktforscher predigen sie, IT-Systemhäuser bieten technische Lösungen an, Unternehmensberatungen Hilfe bei der Umsetzung. Wie die Realität häufig noch aussieht, wurde zum Beispiel in Aussagen beim diesjährigen Synlog-Tag in Schwerte deutlich: Zu den „nicht gemachten Hausaufgaben“ in der Branche gehört demnach ein häufig mangelhafter Datenaustausch zwischen Handel und Herstellern. Der Austausch von statischen Excel-Tabellen, und sogar noch Millionen von Faxbestellungen, die zeitraubend per Hand erfasst werden müssen, ist demnach noch vielfach Alltag im Bestellwesen.

Dabei gibt es sehr wohl Bemühungen, die gewohnten, vielleicht auch eingefahrenen logistischen Prozesse zu verbessern. Doch auch bei diesen Ansätzen bleibt sich die konservative Branche selbst treu: Der Einsatz vollautomatisierter Lagerhaltung und Bestellabläufe, von Kommissonier-Robotern und Drohnen als Lieferboten scheint keine Option zu sein. Stattdessen geht der Blick auf grundlegende Abläufe beim Warenhandling. Hornbach-Vorstandsmitglied Ingo Leiner etwa weist darauf hin, dass es „eigentlich die Basics sind, in denen entlang der Lieferkette noch viel brachliegendes Potenzial steckt“. Vor diesem Hintergrund haben Vertreter des Handels, der Industrie und der Logistikdienstleister schon 2015 unter dem Motto „Ware liefern – statt Mehraufwand“ sieben Kernanforderungen an den Lieferservice erarbeitet. Leiner zum Ziel dieser Initiative: „Wenn es gelingt, die Lieferungen längsverladen, in formschlüssigen, stapelbaren, marktreinen und transportsicheren Einheiten zu transportieren, sie mit maschinenlesbaren Etiketten zu versehen und auf tauschfähigen Paletten zu bewegen, dann gelingt es auch, Aufwand und Kosten für alle Beteiligten deutlich zu reduzieren.“

Einen nächsten Projektschritt haben die Branchenpartner ebenfalls schon realisiert: Um sich vom papierenen Bestellwesen verabschieden zu können, propagieren sie eine flächendeckende Nutzung der NVE, der Nummer der Versandeinheit, in allen logistischen Prozessen. Zum Nutzen und zur Anwendung der NVE informiert übrigens der frei erhältliche „BHB-DIY-Branchen-Guideline DESADV mit NVE/SSCC“.

So wichtig diese Basisarbeit auch ist, in den logistischen Prozessen steckt offenbar noch weit mehr Potenzial für Optimierung. Den Beweis dafür liefert – leider – der strukturelle Wettbewerb im Onlinehandel: Amazon hat allein im Segment Do it Yourself rund eine Million Artikel gelistet, zehnmal mehr als ein voll sortierter Bau- und Gartenmarkt. Davon kann ein Großteil auf Kundenwunsch noch am Tag der Bestellung geliefert werden.

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Gemeinsame Anstrengung

Die Riesen im Onlinehandel zeigen also auf, was in der Logistik technisch machbar ist. Was braucht es demnach im etablierten Baumarkthandel, um hier mithalten zu können? Guter Rat kommt von allen Seiten, wobei der Grundtenor „Kooperation“ unüberhörbar ist: „Für eine nachhaltige Positionierung braucht es eine Neuausrichtung mit den Kunden im Mittelpunkt des Handelns“, erklärt zum Beispiel IFH-Expertin Stüber. Diese sei weniger als Einzelkämpfer, sondern in Kooperation anzugehen – vielleicht sogar mit direkten Wettbewerbern. „Davon ist gerade die Baumarktbranche noch weit entfernt“, so Stüber. Markus Schering, Geschäftsführer der Logistik-Branchenkooperation SynLog, mahnt an: „Alle Ansätze zur Optimierung der Auslastung der Transportkapazitäten bedürfen der Abstimmung und Kooperation der an der Lieferkette beteiligten Unternehmen – also Lieferant und Handel gemeinsam. Dieser vertikale Kooperationsgedanke muss baldigst verstärkt in der operativen Zusammenarbeit Einzug halten!“ Ralf Meistes, Department Head DIY Logistics bei Dachser, betont ebenfalls: „Es ist essenziell, dass Handel und Dienstleister eng zusammenarbeiten und beide den Datenaustausch sauber beherrschen.“

Dienstleister helfen

Wenn der Handel gewillt ist, seine Lieferprozesse auf zeitgemäßen Stand zu bringen, muss er diese Aufgabe nicht im Alleingang bewältigen. Es gibt leistungsfähige Partner, die oft seit Jahrzehnten auf die Anforderungen der Baumarktlogistik spezialisiert sind. Ob es um die Harmonisierung der Versanddaten geht, um sperrige oder eilige Güter. Oder auch um logistische Komplettleistungen bis hin zum Aufbau beim Kunden. Überlastete Verkehrswege und Diesel-Fahrverbote in den Ballungszentren verlangen gleichzeitig nach neuen Lieferkonzepten. „Im Zusammenspiel mit dem Handel gibt es derzeit einige neue Ansätze“, erläutert dazu Ralf Meistes von Dachser DIY-Logistics. „Zum Beispiel kleinteilige Mikro-Logistik mit Elektro-Transportern in den Innenstädten oder Convenience-Services, etwa mit Zwei-Mann-Handling in der Endkundenzustellung bis zur Haustür.“ Die Digitalisierung der Produktions- und Vertriebssysteme schaffe dafür die Voraussetzungen, durch den Einsatz von Scanning in allen Prozessen, Transparenz und Selbststeuerung. Trotz aller Automatisierung, so Meistes: „Ohne Menschen, die vom Kunden her denken und steuernd die Mechanismen in Gang setzen, wird es nicht gehen.“

Eine optimierte Logistik ist in Zeiten des Omnichannel-Vertriebs kein lästiger Kostenfaktor, sondern existenzielle Voraussetzung, um im Wettbewerb bestehen zu können.

27.12.2018