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Im Sog der Wiedervereinigung

Mit der Grenzöffnung am 9. November 1989 und der offiziellen Wiedereinigung am 3. Oktober 1990 begann in den neuen deutschen Bundesländern ein Rennen um die besten Standorte.

Die Jahre 1990 bis 1995

In einem hohen Expansionstempo entstanden mit einem ungezügelten Flächenwachstum massenweise Baumärkte. Durch die Wiedervereinigung und durch die verstärkte Expansion in das europäische Ausland kam es zu einer Sonderkonjunktur der deutschen Baumarktbetreiber. Das rasante Wachstum der jetzt gesamtdeutschen DIY-Branche führte Mitte der 90er Jahre zu einem Gründerkrach, zur Götterdämmerung und zum Kollaps einiger Unternehmen.

Die Begriffe „Do it yourself“ und „Bau- und Heimwerkermarkt“ waren bis 1989 auf dem Gebiet der DDR unbekannte Fremdworte. Moderne Badewannen, Fliesen und Zement waren trotz des seit 1972 staatlich geförderten Eigenheimbaus Mangelware. Artikel für die Elektroinstallation gab es „nur über Beziehungen“. Farben und Lacke hatten eine schlechte Qualität. Badarmaturen und die Elektrowerkzeuge musste man in Polen oder Tschechien kaufen. Die Sanierung der maroden privaten Altbausubstanz war wegen der fehlenden Materialien und der niedrigen Mieten nicht machbar. Produkte für Heimwerker gab es in einem bescheidenen Umfang lediglich in den Filialen der Bäuerlichen Handelsgenossenschaften (BHG), bei privaten Holzhändlern, in den Niederlassungen der Einkauf- und Liefergenossenschaften des Handwerks (ELG), in einigen spezialisierten „Industrieläden“ sowie in den wenigen Heimwerkergeschäften des KONSUM und der staatlichen Handelsorganisation HO. Die attraktiven Angebote an Gebrauchsgütern und Heimwerkerartikeln in den devisengebundenen Intershops konnte nur eine Minderheit von DDR-Bürgern mit Westverwandschaft wahrnehmen. Erst ab Mitte der 80er Jahre entstanden zur „Deckung des Bevölkerungsbedarfs“ in den Großstädten einige wenige spezialisierte Heimwerkerläden mit einem bescheidenen Angebot. Unmittelbar nach der Grenzöffnung profitierten im Spätherbst die grenznahen Baumärkte im Bundesgebiet von der ungestillten Kaufsucht der DDR-Bürger. Denn neben technischen Gebrauchsgütern, Unterhaltungselektronik und Feinkostartikeln waren vor allem Heimwerkerartikel die Objekte der Begierde.

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Im Jahr 1990 startete der erste vom E/D/E geführte Bauklotz in Dresden.
Foto: MAU

Anfang Februar 1990 ging als erster Baumarktbetreiber Eisen-Muscheid mit einem Baumarktprovisorium im thüringischen Eisenach an den Start. In der Folgezeit etablierten sich Baumärkte an den seltsamsten und manchmal auch unpassenden Orten. Götzen realisierte am 19. März in Bergholz-Rehbrücke seinen ersten Oststandort und verkaufte in Fürstenberg an der Havel seine Produkte auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Ravensbrück. Hellweg offerierte in Ostberlin sein Angebot in ehemaligen Gewächshäusern. Lidl & Schwarz etablierte im sächsischen Schönfels bei Zwickau sein erstes Hauser-Provisorium in einer Lagerhalle für Kartoffeln. Die Hagebau begann Anfang Mai im Harzstädtchen Wernigerode mit dem Verkauf in einem Zelt. Anfang Juli eröffnete Max Bahr in einem ehemaligen Schafstall in Hirschfeld bei Zwickau sein erstes ostdeutsches Outlet. TTW startete in Halle an der Saale. In Zusammenarbeit mit dem privaten ostdeutschen Baustoff- und Holzhändler Günter Lichtenstein, dem Betreiber der heutigen Leitermann Bau-, Fach- und Gartenmärkte, entstanden in Chemnitz und Leipzig die ersten Baumarktprovisorien von Wirichs. Im September realisierte die BayWa in Zusammenarbeit mit einer regionalen ostdeutschen Raiffeisen Handelsgenossenschaft (RHG) auf Franchisebasis in Bad Düben (Sachsen-Anhalt) den ersten BayWa-BHG Bau- und Gartenmarkt. Im gleichen Monat starteten ein Extra Outlet in Engelsdorf bei Leipzig; der erste von E/ D/ E geführte Bauklotz in Dresden und ein Werkmarkt in Jena; EGN in Neukalen (Mecklenburg-Vorpommern);

Globus im thüringischen Ilmenau; Hellweg im sächsischen Delitzsch und in Potsdam; IBS in Dippoldiswalde und in Zossen; Interpares in Greiz; Kathreiner in Brehna bei Bitterfeld; Mobau in Quedlinburg; NBB in Lauter/ Erzgebirge; Nowebau in Waren/ Müritz und der Nürnberger Bund in Niederwiesa bei Chemnitz. Im November stieg OBI mit ersten Provisorien in Chemnitz und Erfurt in das Geschehen in Ostdeutschland ein. 1991 starteten Bauhaus in Magdeburg, Praktiker in Leipzig und die Rewe mit einem toom Outlet in Elsterwerda. Götzen rückte mit 50 Baumärkten zum Marktführer im neuen Bundesgebiet auf. Mit AT Baukauf begann ein westdeutsches Schwindelunternehmen den Ruf der DIY-Branche zu schädigen. Am 14. Juni leitete Hornbach in Dresden mit dem Start eines großflächigen Bau- und Gartenmarktes die Ära der Baumarkt-Neubauten in Ostdeutschland ein. Am 4. Oktober begann mit der Ansiedlung von Stinnes in Günthersdorf bei Leipzig die Blütezeit der Shopping-Center in den neuen Ländern. Mit der Realisierung der ersten Filiale in Castrop-Rauxel kam 1992 mit Castorama erstmals ein großer ausländische Baumarktbetreiber nach Deutschland. Mit einem vorübergehenden Erfolg errichtete das Berliner Gartencenterunternehmen Pluta in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern Baumärkte mit Gartencenter. Mit dem Hornbach Bau- und Gartenmarkt in Bamberg (12.000 m²) und dem Globus Baumarkt in Zweibrücken begann die Ära der großflächigen Baumarkgiganten. In Burgstädt bei Chemnitz profilierte sich unter dem Logo B & B in Kooperation mit Eisen-Krämer der erste rein ostdeutsche Baumarkt-Retailer. 1993 gab es auf dem Gebiet der ehemaligen DDR bereits 898 Baumärkte. OBI eröffnete in Bannewitz bei Dresden den 250. Markt. In Magdeburg startete der 200. Hagebaumarkt. Stinnes realisierte in Dresden den 150. Baumarkt. Interpares und Mobau beschlossen die Fusion und die Zusammenarbeit in einer Kooperation. 1994 eröffnete Götzen in Leipzig seine 100. Filiale. Mit der Schließung der Outlets von AT Baukauf und Süba ist 1995 die „Goldgräberzeit“ in Ostdeutschland vorbei.

29.09.2017