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Großbritannien: Auf der Insel dominieren Kleinflächen-Baumärkte

Bald ist es soweit, Großbritannien verlässt die EU am 31. Januar. Das dies Auswirkungen auf den Handel hat, ist nicht abzustreiten. Wie die momentane Situation aber ausschaut, hat sich BaumarktManager genauer angesehen.

B&Q Baumarkt
Kleine Formate, wie der GoodHome in Welligton, sind in Großbritannien stark im Kommen.
Foto: GoodHome

Was Multichannel-Strategien angeht, sind die Baumarktketten in Großbritannien deutlich weiter als die deutschen Unternehmen. Führend in dieser Hinsicht ist Screwfix. Branchenprimus B&Q schwächelt dagegen. Homebase entdeckt nach der desaströsen Ehe mit Bunnings seine alten Stärken wieder.

Srewfix weiterhin Vorreiter

Das Geschäft besteht fast nur aus der Ladentheke. Dort bestellen die Heim- und Handwerker ihre Ware oder holen die online reservierten Artikel ab. Während dieses Konzept der britischen Kette Screwfix unlängst in Deutschland floppte und alle 19 Filialen geschlossen wurden, boomt das Geschäft im Heimatmarkt. 11 Prozent mehr Umsatz lautete die Bilanz im Jahr 2017.

Den Briten scheint das Konzept zu gefallen. Mutterkonzern Kingfisher, nach wie vor größter Baumarktbetreiber Europas, legt mit Screwfix ordentlich zu. So erreichte die Kette ein Plus von 9 Prozent auf dem heimischen Markt. Insgesamt stagnieren die Umsätze aller britischen Baumärkte bei gerade einmal 1 Prozent Wachstum.

Den Briten scheint eine große Verkaufsfläche nicht so wichtig zu sein. Dazu passt auch, dass sich Marktführer B&Q, das Flaggschiff von Kingfisher, seit Jahren im Sinkflug befindet. So wies die Bilanz 2017 ein Umsatzminus von 11 Prozent aus. Mit einer Fläche von durchschnittlich rund 7.500 Quadratmetern zählen die 288 B&Q-Läden mit Abstand zu den größten im Vereinigten Königreich.

Das ist im Vergleich zu Deutschland geradezu klein. Bauhaus und Hornbach weisen im Durchschnitt Marktgrößen von 10.000 bis 12.000 Quadratmetern auf. „Fläche spielt in Großbritannien nicht die Rolle wie in Deutschland“, sagt Branchenexperte John W. Herbert, Leiter der European DIY-Retail Association (EDRA) in Köln.

Die Briten shoppen gern online

Dafür seien die Briten deutlich weiter in Sachen Online-Handel. „Da ist Großbritannien Spitze in ganz Europa”, weiß Herbert. Auf der Insel würde deutlich mehr über das Internet bestellt und dann im Geschäft abgeholt als hierzulande. Das erklärt auch das Plus bei Screwfix, die mit Abstand die kleinsten Filialen im Wettbewerb ausweisen und bei denen das Online-Bestellen zum Geschäftsprinzip gehört. Im Durchschnitt hat ein Screwfix-Store nur 64 Quadratmeter Verkaufsfläche, sprich die Fläche vor dem Tresen.

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Das Lager wird in diesem Fall nicht mitgerechnet. Kein Wunder, dass Screwfix mit fast 47.000 Euro den größten Umsatz pro Qua­dratmeter macht. Der von B&Q dagegen liegt gerade einmal bei 1.800 Euro.

Dafür weist Screwfix mittlerweile eine große Präsenz im Land auf. Schließlich sollen die Kunden kurze Wege zu den Abholorten haben, lautet die Philosophie von Kingfisher-Vorstandschefin Véronique Laury. 577 Geschäfte waren es im Jahr 2017 in Großritannien, während Marktführer B&Q nur auf 288 Märkte kommt, 65 weniger als zwei Jahre zuvor.

Wickes schwach, Toolstation gut

Beim traditionsreichsten Anbieter Wickes – das Unternehmen gilt als Begründer des Baumarktes – stagnierte das Geschäft. Dagegen hat die Handelsgruppe Travis Perkins, zu der Wickes gehört, Erfolg mit Toolstation. Das Konzept ist ähnlich bei Screwfix – also kleine Abholstationen mit Bestellung im Online-Shop. Davon gibt es mittlerweile rund 300 und Toolstation ist damit nach eigenen Angaben einer von Großbritanniens am schnellsten wachsenden DIY-Händlern.

Als DIY-Nahversorger versteht sich die Wilko Group, die mittlerweile mehr als 400 Filialen im Vereinigten Königreich aufweist und auf einen Marktanteil von rund 14 Prozent kommt.

„Erhebliche Probleme“ durch Brexit

Den Sinkflug abgebremst hat unterdessen Homebase. Die im Juni 2018 von Hilco Capital übernommene Baumarktkette hat ihre Verluste erheblich reduziert. Der Umsatz belief sich laut Unternehmensangaben in der zweiten Jahreshälfte auf rund 550 Millionen Euro, „nur noch“ 3,5 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. In dieser Zeit hat der neue Besitzer 47 unrentable Fillialen geschlossen. Derzeit gibt es in Großbritannien und Irland noch 186 Standorte. In der Zentrale wurden zudem 38 Prozent der Stellen abgebaut. Zwei der sechs Zentrallager mussten ebenfalls schließen.

Die Leidensgeschichte von Homebase begann vor drei Jahren mit der Übernahme durch den australischen Marktführer Wesfarmers/Bunnings. Bunnings verbannte zügig das Angebot an Möbeln und Wohnungsdeko aus den Läden und verprellte damit die weibliche Kundschaft. Hinzu kamen weitere Managementfehler. Die Quittung folgte kurze Zeit später.

Baumarkt Besitzer 2016
Umsatz (€M)
2017
Umsatz (€M)
Ev. M/S Läden QM
*1000
durchschnittliche. QM Umsatz(€) pro QM
B&Q Kingfisher 4.368 3.897 -11% 33% 288 2159 7.497 1.805
Wickes Travis Perkins plc 1.747 1.808 3% 15% 244 614 2.516 2.945
Screwfix Kingfisher 1.585 1.727 9% 14% 577 37 64 46.678
Wilko Lisa Wilkison 1.678 1.721 3% 14% 416 676 1.625 2.546
Homebase/Bunnings Bunnings 640 1.349 111% 11% 238 1.037 4.357 1.301
The Range Chris Dawson 777 866 11% 7% 145 537 3.700 1.613
Robert Dyas Theo Paphitis 138 141 2% 1% 94 35 372 4.032
Arnold Laver Arnold Laver Group 127 127 0% 1% 13 38 2.894 3.381
Lawsons Lawsons Ltd 88 96 8% 1% 16 k.a. k.a. k.a.
Leekes JH Leeke&Sons Ldt 74 86 16% 1% 8 114 14.310 754
Home Hardware Cooperative 34 34 0% 0% 400 160 400 212
Total DIY Channel 11.351 11.938 5% 99% 2.201 4.370 1.985 2.732
Other channels 14.036 14.762 5%
Total DIY market 25.386 26.701 5%

Das Engagement auf der britischen Insel kostete den australischen Konzern mehrere hundert Millionen Euro, schätzen Insider. „Homebase ist die katastrophalste Einzelhandelsübernahme in Großbritannien“, urteilte Handelsanalyst Patrick O’Brian in der Zeitung Guardian. Die neuen Eigentümer setzen nun auf Sanierung und das althergebrachte Sortiment. Langsam kehrt die Stammkundschaft zurück.

Vor hohen Verlusten haben alle Baumarktketten Angst, wenn es zu einem ungeregelten Austritt Großbritanniens aus der EU kommt. Sollte der Brexit auf diese Weise vollzogen werden, befürchtet EDRA-Experte John W. Herbert „erhebliche Probleme” für die Branche. Denn ein Großteil der Waren kommt aus der Europäischen Union. Und die könnten durch Zölle und andere Einfuhrbeschränkungen teurer für die Briten werden. In welchem Ausmaß der Brexit aber die Baumärkte betreffe, das könne niemand seriös vorhersagen.

08.01.2020