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Wie viel „Öko“ steckt im Baumarkt?

Über Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung wird viel berichtet und diskutiert. So sind aktive Maßnahmen gegen den Klimawandel und konsequente Schritte zur Energieeinsparung in weiten Teilen unserer Gesellschaft akzeptiert. Wie gehen die Baumärkte mit dem Thema um?

Frau am Infotisch
Am Beispiel Licht erklärt die Energiefachberaterin den Baumarktkunden die Potenziale für Einsparungen.
Foto: Foto: BRÜ

Die Wohngesundheit spielt in der Gesellschaft und auch bei Baumarktkunden wegen der zunehmenden Allergiehäufigkeit eine wichtige Rolle. Trotzdem ist bei vielen die Bereitschaft, für langlebige Produkte aus nachhaltiger Fertigung etwas mehr Geld zu bezahlen, oft nur schwach ausgeprägt. Liegt dies vielleicht daran, dass das Thema Nachhaltigkeit vom Handel insgesamt zu wenig kommuniziert wird? Ein Baumarktbesuch macht deutlich, dass hier durchaus Handlungsbedarf besteht, denn Nachhaltigkeit betrifft alle Sortimentsbereiche.

Energiesparen

Das Angebot von Dämmprodukten für die Außenhaut eines Gebäudes oder von wärmedämmenden Fenstern und Türen macht auf den ersten Blick die Richtung deutlich: Hier geht es um Energieeinsparung und damit um Nachhaltigkeit. Doch auch die meisten anderen Anbieter haben entsprechende Produkte im Sortiment, allerdings wird darauf an den Regalen wenn überhaupt nur spärlich hingewiesen. Lösungsmittelfreie Farben und Lacke sind seit vielen Jahren verfügbar und haben die weniger umweltverträglichen Produkte mittlerweile auf breiter Front verdrängt. Ein anderes Beispiel sind Kleinmöbel, die fast jeder Markt führt. Viele der Möbel sind aus kontrolliert angebauten Hölzern gefertigt. Noch heute wird mit dem in den späten 1970er-Jahren entstandenen Symbol des „Blauen Umweltengels“ für umweltfreundliche Produkte geworben. Daneben existiert heute eine wahre Flut an Zertifikaten und Auszeichnungen, auf die jedoch kaum noch jemand achtet.
Unabhängig von schärferen Umweltgesetzen und veränderten Bauprodukterichtlinien sind die Hersteller allein schon durch den Wettbewerb gefordert, ihr Sortimentsangebot immer mehr ökologischen Anforderungen anzupassen. Aber nicht nur die Produkte selbst haben sich verändert. Bei vielen Verpackungen, gerade Pappkartons, wird auf Nachhaltigkeit geachtet. Manche Hersteller drucken sogar das FSC-Zertifikat auf die Kartons und zeigen damit, dass sie auf Nachhaltigkeitsstandards achten. Und auch der Transport der Waren zu den Verteilstellen erfolgt ebenfalls nicht mehr nur unter wirtschaftlichen, sondern zunehmend auch unter ökologischen Kriterien.

Nachhaltigkeitszertifikate

Bei öffentlichen Gebäuden ist das Thema Nachhaltigkeit schon seit Langem weltweit fest verankert. Gerade um das globale Energie- und CO2-Problem in den Griff zu bekommen und damit einen Beitrag zur Verringerung der Erderwärmung zu leisten, werden für die Energieeffizienz moderner Gebäuden immer neue Standards definiert. Nach diesen muss sich heute die Energie- und Rohstoffbilanz eines Gebäudes lückenlos über die gesamte Nutzungsdauer belegen lassen.
Das lässt sich nur erreichen, wenn alle im Gebäude zum Einsatz kommenden Werkstoffe und Produkte einer umfassenden ökologischen Bewertung unterzogen werden. Diese ökologische Gesamtbewertung von Produkten wird in einem sogenannten Nachhaltigkeits-Zertifikat dokumentiert. Das Zertifikat zeigt den kompletten Lebensweg eines Produkts detailliert von der Entstehung bis zur Entsorgung auf. Man kann auch sagen, das Zertifikat beschreibt für jeden nachvollziehbar sprichwörtlich den Weg „von der Wiege bis zur Bahre“.

Um ein einzelnes Produkt wie den Mauerstein, das Innentürelement oder die Duschwand aus Glas zu bewerten, sind detaillierte Produktinformationen erforderlich. Diese Infos werden in EPDs (Environmental Product Declaration) über den gesamten Produktlebenszyklus ermittelt und bewertet. Eine solche EPD erfolgt nach ISO 21930 bzw. ISO 14025 und EN 15804 und erfüllt damit internationale bzw. europäische Standards. Sie ist somit eine der wesentlichen Voraussetzungen für die Nachhaltigkeitszertifizierung. Denn in die Bewertung fließen ökologische Leistungsmerkmale wie der Energie- und Ressourcenverbrauch, aber auch die Themen Entsorgung und Recycling mit ein. Darüber hinaus werden bei mechanischen oder elektronischen Produkten auch noch ökonomische Leistungsmerkmale wie die Lebensdauer und Wartung sowie soziale Aspekte wie beispielsweise die Emissionen und die Belastung mit möglichen Schadstoffen während des Betriebs betrachtet. Abschließend fällt der Blick auch auf technische und produktspezifische Eigenschaften.
Damit bieten EPDs zugleich eine Sach- wie auch eine Wirkungsbilanz, denn dargestellt sind sowohl die direkten Umwelteinflüsse als auch die konkreten längerfristigen Umwelteinwirkungen. Auf Basis dieses umfassenden Umweltdatenbestandes für sämtliche Bauprodukte und Werkstoffe wird schließlich die Gesamtbewertung eines Gebäudes in Bezug auf seine Nachhaltigkeit möglich. Bei Planern und Architekten gelten derzeit als wichtigste anerkannte Bewertungssysteme international LEED und BREEAM sowie in Deutschland DGNB (Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen).

Zwei Beispiele

Dass das Thema Nachhaltigkeit mit seinen Facetten bereits im großen Stil Einzug in die Baumärkte gehalten hat, zeigen die beiden folgenden Beispiele. Der BHB berichtete vor zwei Jahren über die EU-Holzhandelsverordnung, die eine Einfuhr und Vermarktung von Holz und Holzerzeugnissen aus illegalem Einschlag verbietet. Zugleich wurden mit der Verordnung neue Rechtspflichten für Holzhändler und holzvertreibende Unternehmen begründet. Nach diesen müssen Holzhändler benennen können, von wem sie ihr Holz erworben und an wen sie es weiterveräußert haben.
Um das Recht praktikabel und nachweisbar umzusetzen, hatten damals Umweltbeauftragte und Qualitätsmanager der BHB-Mitgliedsunternehmen gemeinsam mit einem Dienstleister die Onlineplattform „RADIX Tree“ entwickelt, ein Compliance-Instrument für die DIY-Branche. Die Datenbank dient seitdem Informationszwecken und zugleich können Nutzer ihr gesetzestreues Verhalten dokumentieren. Darüber hinaus verfügt das System über ein Bewertungsschema, mit dessen Hilfe jeder auf der Plattform registrierte Marktteilnehmer einschätzen und beurteilen kann, wie hoch das Risiko ist, dass illegales Holz in seinen Produkten enthalten ist.

Der Dübelhersteller Fischer ist nach eigenen Angaben der weltweit erste Anbieter, der einige Produkte aus überwiegend nachwachsenden Rohstoffen im Programm hat. Das Sortiment „greenline“ wird seit April 2014 im deutschen Markt angeboten und umfasste zum Start sechs bisher nur in Grau produzierte Dübel sowie einen Zweikomponenten-Injektionsmörtel für schwere Lasten.
Die „greenline“-Produkte werden zu mindestens 50 Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt. Als Basis für die Kunststoffbestandteile dient dabei Rizinusöl, das aus dem Samen des Wunderbaums gewonnen wird. Diese stehen laut Fischer nicht in Konkurrenz mit Nahrungs- und Futtermitteln, auch nicht mit den entsprechenden Anbauflächen. Der regenerative Materialanteil wird jeweils durch eine unabhängige Prüfung und Zertifizierung der DIN CERTCO/TÜV Rheinland bestätigt. Alle Produkte gehören zur Klasse „Biobased 50–85 Prozent“. Fischer garantiert, dass die „grünen Dübel“ über die gleichen Leistungsmerkmale wie ihre grauen Geschwister verfügen.

MF

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23.11.2017