Die Inventurdifferenzen im Einzelhandel sind 2015 auf 4 Mrd. Euro gestiegen. Hauptursache sind mit einem Anteil von rund 55 Prozent weiterhin Ladendiebstähle, so eine Studie des EHI, Köln.
Vor allem der organisierte Ladendiebstahl bzw. Bandendiebstahl machen den Händlern zu schaffen. Bei den Sicherheitsmaßnahmen hat die offene Kameraüberwachung aktuell die oberste Priorität und damit die Mitarbeitertrainings von ihrem Spitzenplatz vertrieben. Frank Horst, Leiter des Forschungsbereichs Inventurdifferenzen und Sicherheit beim EHI und Verfasser der Studie kommentiert: „Im letzten Jahr sind Ladendiebstähle um rund 100 Mio. gestiegen – einen Löwenanteil daran muss man wohl dem gewerbsmäßig organisierten Diebstahl, insbesondere den organisierten Bandendiebstählen zuordnen“. Die gesamten Ergebnisse der EHI-Studie „Inventurdifferenzen 2016“ präsentiert das EHI heute auf der Inventur- und Sicherheitskonferenz in Köln.
Im gesamten Einzelhandel summierten sich 2015 die Inventurdifferenzen – bewertet zu Verkaufspreisen – auf 4 Mrd. Euro. Die Handelsexperten schätzen, dass davon auf Ladendiebstähle durch Kunden rund 2,24 Mrd. Euro zurückzuführen sind. Den eigenen Mitarbeitern werden knapp 810 Mio. angelastet und Lieferanten sowie Servicekräften werden etwas mehr als 340 Mio. Euro an Warenverlusten im Jahr zugerechnet. Die restlichen 640 Mio. Euro entfallen auf organisatorische Mängel. Die durchschnittliche Inventurdifferenz beträgt 1 Prozent vom Umsatz, weitere Kosten entstehen durch Investitionen von rund 1,3 Mrd. Euro in Technik und Personal zum Diebstahlschutz. Insgesamt gehen dem Einzelhandel durch Inventurdifferenzen und Investitionen zu deren Vermeidung 1,3 Prozent des Umsatzes bzw. absolut rund 5,3 Mrd. Euro verloren.
2015 sind die angezeigten Ladendiebstähle laut polizeilicher Kriminalstatistik wieder deutlich um 7,1 Prozent angestiegen auf insgesamt 391.401 Fälle (Vorjahr 365.373). Vor allem schwere Ladendiebstähle haben in den letzten acht Jahren drastisch zugenommen. Berücksichtigt man die hohe Dunkelziffer mit gut 98 Prozent bleiben nach Expertenschätzung zudem jährlich mehr als 26 Mio. Ladendiebstähle je im Wert von rund 86 Euro unentdeckt.
Immer häufiger werden Diebstähle in organisierter Form durchgeführt. Das Bundeskriminalamt geht davon aus, dass allein durch straff organisierte kaukasische Tätergruppen jährlich Waren im Wert von 250 Mio. Euro im Einzelhandel gestohlen werden. Zählt man andere Diebesbanden, z.B. aus dem Balkan und anderen europäischen Nachbarn oder dem nordafrikanischen Raum dazu, entfällt nach EHI-Schätzungen wertmäßig rund ein Viertel aller Ladendiebstähle auf Bandendiebstähle und organisierte Kriminalität.
Im Durchschnitt gibt der Handel wieder gut 0,3 Prozent vom Umsatz für Sicherheitsmaßnahmen aus. Bei den Trends zeigt sich die größte Steigerungsrate bei der offenen, d.h. für den Kunden sichtbare, Kameraüberwachung, die für mehr als ein Drittel der befragten Unternehmen zukünftig oberste Priorität hat. Nach wie vor kommt aber auch der Schulung und Sensibilisierung von Personal eine Schlüsselrolle zu, um Ladendiebstahl zu minimieren.
Während bei den Lebensmittelhändlern vor allem Parfüms und Kosmetika, Rasierklingen, Tabakwaren, Spirituosen, Wein und Sekt, Zeitschriften, aber auch Kaffee und Babynahrung geklaut werden, nennen Baumärkte u.a. Akku-Schrauber, Werkzeuge und LED-Leuchtmittel als Diebstahlrenner. An der aktuellen Untersuchung beteiligten sich 118 Unternehmen mit insgesamt 20.097 Verkaufsstellen, die einen Gesamtumsatz von 72,8 Mrd Euro erwirtschaftet haben. Die durchschnittliche Verkaufsfläche der beteiligten Geschäfte beträgt 1.150 qm.