„Galeria zum dritten Mal pleite“ – so oder so ähnlich lauten die Schlagzeilen rund um den dritten Insolvenzantrag von Galeria Karstadt Kaufhof. Der Tenor: Ein Unternehmen, das innerhalb von drei Jahren dreimal Insolvenz anmelden muss und Geld erhält, ist nicht zukunftsfähig. Doch ein genauerer Blick auf die aktuelle Lage offenbart, dass diese Insolvenz nicht mit den vorherigen vergleichbar ist.
Während in den ersten beiden Fällen Liquiditätsprobleme zugrunde lagen, steckt Galeria dieses Mal in einer komplexeren Situation, die durch die Insolvenz der Muttergesellschaft Signa verursacht wurde und zu einer Überschuldung aufseiten Galeria geführt hat.
Was jedoch oft nicht thematisiert wird: Im operativen Geschäft zeigte Galeria sich seit Q3/2023 durchaus besser aufgestellt. Beschlossene Maßnahmen wurden umgesetzt und erste Erfolge zeichneten sich ab. Hohe Mietpreise für die Warenhäuser sowie die zugesagte Zahlung von 200 Millionen Euro, die durch die Insolvenz von Signa nicht mehr fließen werden, setzen die Unternehmensbilanz und damit das Unternehmen Galeria unter Druck. Es geht also diesmal nicht um eine fehlende Liquidität, um Verbindlichkeiten zu bedienen. Vielmehr liegt nunmehr durch das Ausbleiben der Zahlung eine buchhalterische Überschuldung vor. Hier wünschte man sich auch in den Medien mehr Differenzierung.
Die Situation erfordert schnelles Handeln. Und eine Insolvenz bietet Möglichkeiten. So kann auf diesem Wege die Chance genutzt werden, sich von vertraglichen Zwangsjacken, in dem Falle von Gesellschafterseite erwirkt, zu trennen. Auch die dreimonatige Deckung der Personalkosten durch den Staat schafft Atmungsreserve. Und mit einer so geschaffenen positiven Fortführungsprognose entsteht erst die Chance, das Geschäftsmodell und das Konzept Warenhaus zu überdenken und strategisch neu auszurichten.
Denn das Konzept des Kauf- und Warenhauses, einst als Konsumpalast der 70er- und 80er-Jahre gefeiert, ist angesichts des Onlinehandels zunehmend überholt. Dies spiegelt sich deutlich in der Entwicklung des Marktanteils dieses Formats im deutschen Einzelhandel wider: Im Jahr 1992 betrug der Marktanteil noch 6,0 Prozent, seitdem ist er kontinuierlich gesunken. Unsere Berechnungen am IFH Köln prognostizierten für 2022 nur noch einen Marktanteil von 1,4 Prozent. Viele Waren auf einer Fläche ist eine Idee von gestern, die nicht den Anforderungen und dem Verhalten der Zielgruppen von morgen entsprechen kann. Und das Bewusstsein für diese Veränderung ist der erste Schritt im Prozess – passgenaue Kuratierung auf lokale Zielgruppen der zweite.
Eine universelle Lösung für Galeria, die an allen Standorten gleichermaßen effektiv ist, wird es nicht geben. Der innerstädtische Handel erfordert stets auch eine lokale Perspektive. Dabei müssen nicht nur das Sortiment und das Personal optimal auf die Bedürfnisse der jeweiligen Gemeinschaft abgestimmt sein, sondern es sollten auch innovative Services angeboten werden, die einen Mehrwert im Vergleich zum Onlinehandel bieten. Insgesamt ist es Zeit, den innerstädtischen Handel zu überdenken und ihn zu einem Ort der Freizeitgestaltung zu machen, der nicht „nur“ Güter verkauft, sondern ein Erlebnis bietet, das Menschen gerne teilen und wiederholen möchten.
Fazit: Insolvenz ist nicht gleich Insolvenz. Trotz der schwierigen Lage im Fall von Galeria und der zweifellos großen Herausforderung bieten sich auch Chancen zur Erneuerung. Mit klugem Management, engagierten Investor:innen und einer kreativen Neugestaltung des Handelskonzepts kann auch Galeria gestärkt aus dieser Krise hervorgehen und sich für die Innenstadt als Akteur behaupten. Transformation als Chance ist dann die Überschrift und bietet sich vielleicht auch für das ein oder andere DIY-Unternehmen als Case zum Lernen an.
